Pseudophilosophie

Autor: Gerhard Glück (*1944), Quelle: NZZ-Folio Januar 2011
Autor: Gerhard Glück (*1944), Quelle: NZZ-Folio Januar 2011
Autor: Gerhard Glück (*1944), Quelle: NZZ-Folio November 2015
Autor: Gerhard Glück (*1944), Quelle: NZZ-Folio November 2015
Autor: Gerhard Glück (*1944), Quelle: NZZ-Folio Dezember 1993
Autor: Gerhard Glück (*1944), Quelle: NZZ-Folio Dezember 1993

Der Cartoon von Gerhard Glück steht in einer langen Reihe von Surrogaten zu Descartes’ berühmter Formel «Ich denke, also bin ich». Zum Beispiel:

«Ich fühle, also bin ich» (Maria Lassnig, Künstlerin).

«Ich liebe, also bin ich» (Christina Kessler, Ethnologin und Beziehungstherapeutin).

«Ich gehe, also bin ich» (Marco Hüttenmoser, Erziehungswissenschaftler).

«Ich bewege mich, also bin ich» (Ralf Laging, Sportwissenschaftler).

«Ich wandere, also bin ich» (Herman de Vries, Künstler).

«Ich höre, also bin ich» (Joachim-Ernst Behrendt, Musikjournalist und -produzent).

«Ich lerne, also bin ich» (Rolf Arnold, Erziehungswissenschaftler).

«Ich koche, also bin ich» (Rudolf Obauer, Sternekoch).

«Ich esse, also bin ich» (Bud Spencer, Schauspieler).

«Ich trinke, also bin ich» (Roger Scruton, Schriftsteller und Philosoph).

«Ich jodle, also bin ich» (Ursula Scribano, Schauspielerin und Stimmtrainerin).

«Ich maile, also bin ich» (Miriam Meckel, Kommunikationswissenschaftlerin).

«Ich google mich, also bin ich» (Tim Mette, Karikaturist).

«Ich sitze, also bin ich» (Niraj, Meditationslehrer und Atemtherapeut).

«Ich schlafe, also bin ich» (Barbara Hochstrasser, Ärztin).

«Ich träume, also bin ich» (Hartmut Steffen, Autor).

Autor: Frank Leuchte (1942-1992), Quelle: Internet
Autor: Frank Leuchte (1942-1992), Quelle: Internet

Es gibt viele weitere Variationen zu Descartes’ Cogito-Argument. Das Muster, nach dem diese Surrogate gebildet sind, ist leicht erkennbar. Angenommen wird, dass irgendeine Eigenschaft, Tätigkeit oder Befindlichkeit, die sich jemand zuschreibt, hinreichend ist, damit sich die betreffende Person ihrer Existenz gewiss sein kann. Damit wird Descartes’ Argument allerdings in keiner Weise Rechnung getragen. Denn Descartes hat angenommen, dass man sich in all diesen Fällen im Zweifel sein kann, ob sie identifizierend sind. Nicht bezweifelbar schien ihm dagegen der Akt des Zweifelns selber zu sein. Da der Zweifel eine Form des Denkens ist, folgerte er daraus, dass ich, sofern und solange ich denke, existiere: cogito ergo sum. Dabei handelt es sich nicht um eine deduktiv gewonnene Erkenntnis, etwa der Art: «Ich komme von rechts, also habe ich Vortritt», sondern um eine intuitive Einsicht, die als Ganzes evident scheint. Wie Fichte Descartes' Argument zusammenfasste, denkt man nicht notwendig, wenn man ist, aber man ist notwendig, wenn man denkt. Deshalb hat Descartes auch lediglich seine geistige, nicht aber auch seine körperliche Existenz bewiesen. Insofern kommen die zitierten Cogitoparaphrasen unfreiwilligen Karikaturen der Argumentation von Descartes gleich. Nur wenn es sich dabei um Inhalte von Denkakten handeln würde, hätten wir es mit echten Alternativen zu Descartes' Formulierung zu tun. Denn, wie Descartes in seinen Prinzipien der Philosophie schreibt: «... wenn ich sage: ‛Ich sehe, oder: ich gehe, also bin ich‛, und ich dies von dem Sehen oder Gehen, das vermittels des Körpers erfolgt, verstehe, so ist der Schluss nicht ... sicher; denn ich kann glauben, ich sähe oder ginge, obgleich ich die Augen nicht öffne und mich nicht von der Stelle bewege, wie dies in den Träumen oft vorkommt ... Verstehe ich es aber von der Wahrnehmung selbst oder von dem Bewusstsein ... meines Sehens oder Gehens, so ist die Folgerung ganz sicher, weil es dann auf den Geist bezogen wird, der allein wahrnimmt oder denkt, er sähe oder ginge» (Erster Teil, § 9).

 

Kritisch wird es für Descartes, wenn in Frage gestellt wird, dass das Denken an eine (mentale) Substanz (res cogitans) gebunden ist oder wenn bezweifelt wird, dass wir im Denken unserer selbst unmittelbar gewiss sind. Von Georg Christoph Lichtenberg ist der Aphorismus überliefert: «Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen cogito, ist schon zu viel, sobald man es durch Ich denke übersetzt. Das Ich anzunehmen, zu postulieren, ist [lediglich ein] praktisches Bedürfnis» (Sudelbuch K 76). Friedrich Nietzsche hielt Descartes entgegen, «dass ein Gedanke kommt, wenn ‹er› will, und nicht wenn ‹ich› will; so dass es eine Fälschung des Tatbestandes ist zu sagen: das Subjekt ‹ich› ist die Bedingung des Prädikates ‹denke›» (Jenseits von Gut und Böse, § 17). Die sprachanalytische Philosophie knüpfte hier an und äusserte den Verdacht, bei Descartes’ Ich könnte es sich um eine grammatikalische Fiktion handeln. So bestritt Elizabeth Anscombe (The first person), dass die Verwendung des Wortes ich ein Akt der Benennung sei und ein Nomen darstelle. Ich ist kein Name, mit dem wir etwas – nämlich uns selbst – bezeichnen, der folglich auch von einer Drittperson verwendet werden könnte, um uns zu identifizieren. Wie er oder sie ist ich ein Pronomen, das für ein Nomen (z.B. Walter Herzog) steht, das von anderen genauso gebraucht werden kann wie von mir selber, um auf mich zu referieren. Wie Ernst Tugendhat (Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung, S. 71-75, 82-87) meint, hat das Wort ich – vergleichbar den Wörtern hier, jetzt und dies – keine identifizierende, sondern lediglich eine deiktische Funktion. Aus der Funktion des grammatikalischen Subjekts lässt sich daher nicht auf die Existenz eines substanziellen Subjekts schliessen.

Autor: Charles H. Schulz (1922-2000), Quelle: Internet
Autor: Charles H. Schulz (1922-2000), Quelle: Internet
Autor: Charles H. Schulz (1922-2000), Quelle: International Herald Tribune, October 26, 1984
Autor: Charles H. Schulz (1922-2000), Quelle: International Herald Tribune, October 26, 1984